Onyeka Igwe
Onyeka Igwes Praxis hebt den instabilen Grund des kolonialen Archivs aus, das bei ihr nicht als festes Wissensdepot, sondern als Ort voller Spannungen, Undurchsichtigkeiten und nie aufgearbeiteter Gewalt erscheint. Ihre Filme und Installationen konfrontieren das Archiv mit dem, was fehlt, was unterdrückt oder unhörbar gemacht wurde. Igwe haucht oft als leblos behandelten Materialien – Zelluloidrollen, Bilddokumenten vergangener Bürokratien, verlassenen und vergessenen Räume – neues Leben ein. Was so entsteht, ist keine Rekonstruktion der Geschichte, sondern eine Einstimmung auf ihre Dissonanzen: eine sinnlich erfahrbare Geschichtsschreibung, in der koloniale Gewalt nicht der Vergangenheit angehört, sondern die Gegenwart anhaltend prägt.
Im Obergeschoss entfalten sich zwei Videoarbeiten – beide Teil von No Archive Can Restore this Chorus of (Diasporic) Shame (2024/26) – in enger Beziehung zueinander. Das an der Fensterfront präsentierte Bewegtbild fügt sich in die Architektur der Institution und das städtische Umfeld ein und verortet so sein Klang- und Bildfeld in den spezifischen Bedingungen seiner Präsentation. Der Film zeichnet die Nachwirkungen des britischen Kolonialismus in Nigeria anhand der verlassenen Niederlassung der ehemaligen Nigerian Film Unit in Lagos nach – einst eine wichtige Zweigstelle des Propagandaapparats der Colonial Film Unit. Das Gebäude ist heute verfallen. Das Bildmaterial, das dort aufbewahrt wurde, ist schwer zugänglich – nicht nur wegen dessen materiellen Zersetzung, sondern auch wegen eines allgemeinen Widerwillens, sich mit dessen Inhalten auseinanderzusetzen.
Statt diese verlorenen oder unzugänglichen Filme zu restaurieren, nähert Igwe sich ihnen auf indirekte Weise. Das Video fängt in ruhigen Bildern die Innenräume des Gebäudes ein – Räume voller Staub, Spinnweben und zerfallender Akten und Filmdosen. Dabei wird das Archiv zugleich als materiell präsent und entzogen sichtbar. Eine Leuchtkasteninstallation mit dem Titel anomalies and cobwebs (2026) zeigt Dias, die dem Film entnommen und Jahre später neu montiert wurden. Aus ihrer ursprünglichen Abfolge gelöst und als einzelne Bilder präsentiert, machen diese Fragmente deutlich, dass sich auch Igwes eigener Film im Laufe der Zeit neu zusammensetzen und weiterschreiben lässt.
Wenn das erste Video endet, entfaltet sich eine dichte Klanglandschaft. Als Igwe die Arbeit 2024 im nigerianischen Pavillon bei der Biennale von Venedig präsentierte, wurde die Tonspur von einem schwarzen Bild begleitet. Für die Ausstellung in der Secession entwickelte die Künstlerin eine zweite, digital generierte Videoarbeit, die der Komposition eine visuelle Ebene verleiht. Sie zeigt eine animierte räumliche Rekonstruktion des verlassenen Gebäudes der Nigerian Film Unit – außen wie innen – und vermittelt die unterschiedlichen Soundebenen in Form von integrierten Untertiteln. Seit einigen Jahren beschäftigt sich Igwe mit der Frage, wie Film und Klang für gehörlose Menschen zugänglich gemacht werden können. Die Untertitel beschreiben hier nicht lediglich das Hörbare. Sie übersetzen die Klanglandschaft in eine visuelle Form und werden zu einem zentralen bildnerischen Element der Arbeit.
Die Klanglandschaft besteht aus Aussagen von Zeug*innen, Feldaufnahmen und Archivfragmenten, die an verschiedenen Orten in Nigeria und im Vereinigten Königreich gesammelt wurden. Das Werk greift die Antrittsrede von Nnamdi Azikiwe – einer führenden Figur der antikolonialen Bewegung und 1963 Nigerias erster Präsident – als Moment utopischer Verheißung auf und zeichnet zugleich Geschichten von Protest, Konflikt und Widerstand von der Kolonialherrschaft bis in die Gegenwart nach.
Ein Kernbestandteil des Sounds sind Lieder, die mit dem Egba-Frauenaufstand von 1947 verknüpft sind – einem Protest gegen das koloniale Steuersystem, der von der Abeokuta Women’s Union unter Funmilayo Ransome-Kuti angeführt wurde. Igwe stieß während Archivrecherchen auf die Liedtexte, Aufnahmen der Lieder selbst konnten jedoch nicht gefunden werden. Die neue Chorkomposition, arrangiert von der Künstlerin und Musikerin Tanya Auclair und aufgeführt von einem dreizehnköpfigen A-cappella-Ensemble, interpretiert die Lieder neu. Diese orientieren sich an der Tradition des Sacred Harp Singing – einer Form von Chormusik ohne Instrumente, die vor allem im Süden der USA verbreitet ist. Anstelle einer einzelnen Chorleitung übernehmen die Sänger*innen abwechselnd die Führung. So entsteht eine kollektive und sich fortwährend wandelnde Form des gemeinsamen Singens. Statt auf Einstimmigkeit setzt die kakophone Komposition auf Vielheit. Sie bildet einen Kontrapunkt zu im Westen vorherrschenden Darstellungen Nigerias und artikuliert stattdessen eine polyphone, widerständige Art des Erinnerns und spekulativen Denkens, die das visuelle Regime des Archivs sprengt.
Inspiration für den Titel des Films war Julietta Singhs Buch No Archive Will Restore You (2018), ein Hybrid aus Essay, Memoiren und poetischer Theorie, das das Archiv radikal neu denkt – nicht als Sammlung von Dokumenten, sondern als etwas, das im und durch den Körper eingeschrieben ist. Der Titel ist programmatisch: Kein Archiv, ob institutionell oder anderweitig, kann das einmal Verlorene wiederherstellen. Statt Rückgewinnung oder Kohärenz zu versprechen, rückt Singh Bruch, Undurchsichtigkeit und das Fortbestehen dessen in den Vordergrund, was sich der Lektüre verweigert. Dieselbe Haltung klingt in Igwes Arbeit an, wenn sie die Grenzen der Wiederherstellung des Archivierten und die Unmöglichkeit hervorhebt, das Ausgelöschte oder Verleugnete vollständig zurückzugewinnen. Stattdessen beschwört der Film das herauf, was man als die „akustischen Schatten“ (Alexander Ghedi Weheliye) kolonialer Bewegtbilder auffassen könnte.
In allen Arbeiten inszeniert Igwe die Begegnung mit dem Archiv als einen Raum des Unbehagens, in dem Wissen labil und relational bleibt und eher erfühlt als gesichert ist. Ihre Installation macht die affektiven und räumlichen Architekturen imperialer Macht wahrnehmbar und verweist zugleich auf ihren Niedergang. Sie untergräbt die vermeintliche Unveränderlichkeit historischer Erzählungen und eröffnet einen Raum für Spekulationen und Formen der Zeug*innenschaft, die nicht auf Besitz beruhen. Auf diese Weise wird Forschung zu einer so ethischen wie poetischen Praxis: ein Mittel nicht, um die Vergangenheit vollständig wiederzugewinnen, sondern um zu ihren Überresten in eine aufmerksamere und verantwortungsvollere Beziehung zu treten.
Begleitend zur Ausstellung
Zur Ausstellung erscheint eine Publikation, die hier kostenfrei heruntergeladen oder im Shop erworben werden kann.
Erfahren Sie mehr über die Künstlerin und ihren Ansatz in unserem Secession Podcast mit Onyeka Igwe im Gespräch mit Jeanette Pacher.
Kooperation
Im Rahmen des Festivals Vienna Shorts wurde am 29.5.2026, um 20:30 Uhr, eine Auswahl an Filmen von Onyeka Igwe im Österreichischen Filmmuseum gezeigt.


Künstler*innen
wurde 1986 in London, UK, geboren und lebt in London.