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Mire Lee

The Heart of My Machine is Golden Lead
26.6. – 30.8.2026
Mire Lee, The Heart of My Machine is Golden Lead, Ausstellungsansicht, Secession 2026. Foto: Iris Ranzinger

Mire Lee, The Heart of My Machine is Golden Lead, Ausstellungsansicht, Secession 2026. Foto: Iris Ranzinger

Mire Lees großformatige, immersive Installationen bestehen oft aus undichten Maschinen und quasi-organischen Strukturen, die zu tropfen und zu verfallen scheinen. Defekte motorisierte Elemente wirken, als würden sie unter ihrem eigenen Betrieb ächzen und sich der nahtlosen Effizienz widersetzen, die gemeinhin mit moderner Technologie assoziiert wird. Anstelle von polierten Oberflächen und reibungslosem Betrieb inszeniert Mire Lee eine Welt des Widerstands und des Verfalls. Ihre unheimlichen, fabrikähnlichen Szenarien lassen Materie instabil und viszeral erscheinen, erinnern an Körperflüssigkeiten, Fleisch und Industrieabfälle und wirken dabei direkt auf die Sinne und Körper des Publikums ein. 

In der Secession fühlt sich die Luft dick an – stickig, heiß, geradezu angespannt. Der ansonsten makellose Terrazzoboden des Ausstellungsraumes weist Spuren einer zähflüssigen Substanz auf, die sich ausbreitet und eine schräge Wand hinunterfließt. Im Laufe der Ausstellung werden sich dort Krusten ansammeln und eine wachsende Haut aus rostigen Schorfstellen bilden. Diese Trennwand dient als Barriere, die einen großen Zementmischer verbirgt, der sich im Hintergrund träge dreht. Die Maschine gibt ein dumpfes, kontinuierliches Geräusch von sich, wie einen monotonen Puls – ihr Bauch ist wie eine Wunde aufgeschnitten, ihr innerer Kern liegt frei, unfähig, zur Ruhe zu kommen. 

Dieser kinetische Apparat bewegt sich zwischen Vitalität und Zusammenbruch. In seinem Inneren entfaltet sich ein entropischer Kreislauf: Mechanisch neu kalibriert und verändert, wird sich die Trommel während der gesamten Dauer der Ausstellung weiterdrehen. Ein Gewirr aus PVC-Rohren durchzieht den Raum wie ein Gefäßsystem und pumpt in endlosen Schleifen eine flüssige Lösung, die unter anderem Eisenoxid, Messingpulver und Sägemehl enthält. Das spiralförmige Rührblatt des Betonmischers versetzt die zähflüssige rote Substanz in Bewegung, wobei sich gelegentlich metallische Flecken an seiner Oberfläche festsetzen. Die Decke des Ausstellungsraumes wurde freigelegt und ihre Glasplatten entfernt, sodass natürliches Licht einfallen kann. 

Im hinteren Teil des Raums sind alte Werbebanner aus früheren Secession-Ausstellungen über den letzten Abschnitt der Ausstellung verteilt. Auf ihren Oberflächen sind mit Messingfolie überzogene Wortfragmente zu sehen, neben Markierungen und Mustern, die mit bleihaltigem Lötzinn überzogen sind. In Anlehnung an Gustav Klimts Beethovenfries bringen die Werke eine ornamentale Sprache mit industrieller Hitze, Toxizität und Spuren materieller Ablagerungen in Kontakt. Blei, das im Lötzinn enthalten ist, wird heute mit Verschmutzung und gesundheitlichen Schäden assoziiert, obwohl es einst in Architektur, Handwerk, Kosmetik und Ornamentik weit verbreitet war und ebenso sehr wegen seiner Formbarkeit und seines Glanzes wie wegen seiner Nützlichkeit geschätzt wurde. Sein Schimmer wirkt hier weniger prachtvoll als vielmehr wie ein melancholischer Überrest: ein materielles Leuchten, das man kaum noch begehren kann.

Die Etymologie und Kulturgeschichte des Begriffs „Melancholie“ lenken diese materielle Düsternis nach innen, hin zum Körper selbst. Das Wort leitet sich vom altgriechischen „melas“ (schwarz) und „choli“ (Galle) ab und verweist auf den Ursprung der Lehren über den Körper. Man glaubte, dass die schwarze Galle aus der Milz stammt und im Übermaß tiefe Traurigkeit und Kummer hervorruft. Ein Ungleichgewicht zwischen den vier Körpersäften – Blut, gelbe Galle, Schleim und schwarze Galle – bedeutete, dass der menschliche Körper versagte und im Verfall begriffen war: sowohl körperlich als auch seelisch.

Mire Lees Arbeiten verhalten sich wie dysfunktionale Hybridwesen, gefangen in unerbittlichen Zyklen von Produktion und Erschöpfung. Hier vollführt die Maschinerie der Künstlerin eine weitere Drehung um ihre eigene Achse: Sie nimmt die Mitte des Raumes ein, reagiert auf die Architektur des Gebäudes und spaltet zugleich den Raum auseinander. Nach und nach breitet sich eine Umgebung aus Exzess, Schmutz und krampfhaftem Zucken aus.

Begleitend zur Ausstellung

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation, die hier kostenfrei heruntergeladen oder im Shop erworben werden kann.

Kooperation & Unterstützung

Mire Lees Einzelausstellung wird gleichzeitig in der Secession und im Korea Kulturzentrum Wien gezeigt. Die Ausstellung im Korea Kulturzentrum, unter dem Titel Women I loved 내가 사랑한 여자들, umfasst eine Auswahl der Filmwerke der Künstlerin und ist dienstags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Fragmente der Ausstellung in der Secession werden später im Jahr 2026 Teil eines ortsspezifischen Werks in Oude Kerk, Amsterdam, sein.

Die Ausstellung wurde durch die Samsung Foundation of Culture ermöglicht. Die begleitende Publikation wurde vom Korea Kulturzentrum Österreich finanziert. Weitere Unterstützung kam vom Arts Council Korea und dem Mondriaan Fonds. Die Secession bedankt sich bei einem Kreis von Förder*innen, die dieses Projekt großzügig unterstützt haben: Sprüth Magers, Tina Kim Gallery, Yang Won Sun Foundation, Kursawe Foitzik Hohlweg Rechtsanwälte, Yurica Eun Hee Jeong, Changro Im (Präsident von Euroscope), Sobang Yoo (Geschäftsführerin von SBU & Partners), Callie’s und Palfinger AG.




Künstler*innen

Mire Lee

 wurde 1988 in Seoul, Südkorea, geboren und lebt in Amsterdam, Niederlande, und Seoul, Südkorea.

Programmiert vom Vorstand der Secession


Kuratiert von

Haris Giannouras

Vereinigung bildender Künstler*innen Wiener Secession
Friedrichstraße 12
1010 Wien
Tel. +43-1-587 53 07