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Gruppenausstellung
Ausgeträumt…
29.11.2001 – 3.2.2002

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Ausgeträumt…, Ausstellungsansicht, Secession 2001, Foto: Pez Hejduk

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“Unfortunately, to get to the future one has to live through the present.” 

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Hanif Kureishi

Die Wahrnehmung von Gegenwart ist immer gebunden an die Einschätzung ihrer Vergangenheit und der zu erwartenden Zukunft. Ausgeträumt... thematisiert eine gegenwärtige desillusionierte, resignative Grundstimmung, durch deren Folie die soziale und politische Wirklichkeit in weiten Teilen Europas, jenseits geopolitischer Markierungen, wahrgenommen wird. Eine allgemeine Grundstimmung, die entsprechend den differierenden Weltanschauungen und Lebensentwürfen unterschiedlich motiviert sein mag, dennoch für viele evident ist.

 

Der Zusammenbruch der realsozialistischen Systeme hatte die triumphierende Formulierung eines scheinbar naturgegebenen Zusammenhangs von Demokratie und Kapitalismus zur Folge. Das Ende der Systemkonfrontation zwischen Ost und West löste eine Unzahl von Projektionen aus. Die propagierte ökonomische Prosperität durch den globalen Kapitalismus, die Suggestionskraft der Medien, die Verheißung neuer Kommunikationstechnologien haben viele vorübergehend an den Traum von einer besseren Zukunft glauben lassen. Die umfassende Demokratisierung, an der endlich alle direkt Teil haben könnten, schien unmittelbar bevor zu stehen. Daran geknüpfte Hoffnungen hat die politische Realität allerdings bald als Illusion erkennen lassen. Aus der Perspektive Europas haben der Krieg in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien und die zunehmend global agierende Wirtschaft deutlich gemacht, dass der vermeintliche Fortschritt seinen Preis hat. Einen Preis, der nicht von den westlichen Industrienationen bezahlt werden würde.

 

Eine Grundlage für die gegenwärtige Skepsis, auch für den strukturellen Stillstand, könnte darin gesehen werden, dass die meisten Erklärungsmodelle immer noch auf Demokratie als ein gegebenes perfektes Modell zurückgreifen, also auf einer von der westlichen Rationalität getragenen Prozessualität hin zu einer besseren Welt beharren. Die Beobachtung lokal- und weltpolitischer Alltäglichkeiten liefert ausreichend Gründe für einen Zweifel an der Entwicklungsfähigkeit eines in diesem Sinn definierten sozialpolitischen Handelns. Die Infragestellung der Hegemonie der westlichen Demokratien ergab sich unter anderem daraus, dass statt einer späten Einlösung von idealistischen Zumutungen und humanistischen Idealen, also einer umfassenden Demokratisierung, in der jedes Subjekt als BürgerIn angesprochen würde, alle erdenklichen Formen von Nationalismen und Fundamentalismen als Antwort auf den globalen Kapitalismus und den Neoliberalismus auftraten, die Migrationsbewegungen nicht eine Erweiterung des demokratischen Gedankens nach sich zogen, sondern Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wieder verstärkt Themen der europäischen Öffentlichkeit wurden.

 

Der Filmtheoretiker Georg Seeßlen hat für die westlichen Gesellschaften des 20./21. Jahrhunderts drei Entwicklungsstadien beschrieben. Diese hätten sich von einem Prinzip von Kapitalismus und Demokratie über einen Zustand von Demokratie im Kapitalismus zur heutigen Verfassung von Demokratie als Kapitalismus entwickelt. Der Markt bestimmt gesellschaftliches Handeln, Wettbewerb ist seine grundlegende Kommunikationsstruktur. Die symbolische und tatsächliche Teilhabe an der Macht ist zur pseudokulturellen Inszenierung verkommen, in der PolitikerInnen als Popstars auftreten und Popstars als PolitikerInnen. Politische Ideen und Überzeugungen werden nicht mehr verhandelt sondern verkauft. Die Politik dient immer ausschließlicher der Erzeugung von Bildern und legitimiert sich selbst durch die Erzeugung von Bildern. Politik als Wissen, als Idee und Entscheidung scheint dabei immer unbedeutender, Politik als entleert symbolische Veranstaltung, als mediale Präsenz immer bedeutender zu werden.

 

Diskussionen von Thesen wie “Das Ende der Geschichte” von Francis Fukuyama wirken in diesem Zusammenhang wie ein Symptom für die Verunsicherung. Es scheint keine Alternative zu geben. Es ändert sich nichts Wesentliches mehr in der Grundstruktur der westlichen Gesellschaft. Und der Rest der Welt hat kaum eine andere Option als die, sich an die westliche Grundstruktur anzupassen. Es gab aber in den letzten Jahren eine vehemente Diskussion um die Formulierung von neuen Handlungsfeldern, gerade auch im Feld der Kunst. Es ging dabei gar nicht so sehr um die Formulierung von neuen Utopien, vielmehr darum, die eigenen Positionierungen, die eigene Abhängigkeit von den Kontexten, in denen man sich bewegt, zu überdenken, Modelle zu entwickeln, wie man den Diskurs im Sinne pragmatischer Interessen neu definieren und wieder zurückerobern könnte. Diskutiert wurde auch, wie man die symbolische Ebene positiv neu besetzen und die unheimliche Allianz zwischen Symbolischem und Emotionalem im Feld der Politik demontieren kann, um sich gegen die Sinnentleerung des politischen Feldes zu wehren.

 

Vor dem Hintergrund des historisch-programmatischen Kontextes der Secession, die durch ihre Gründung einen bewussten Bruch mit der Vergangenheit vollzogen und gleichzeitig die Formulierung von Zukunftsvisionen zu ihrem Ziel gemacht hat, wird die Ausstellung Ausgeträumt… diese Fragen verhandeln. Sie wird der Kunst zwar nicht ihre Freiheit geben können, auch nicht Wege aus der derzeitigen politischen und kulturellen Situation ebnen. Sie versammelt vielmehr internationale Positionen, die angesichts der Dilemmata Skepsis bewahren, ideologische und ökonomische Mechanismen in Frage stellen, Utopie als integralen Bestandteil der Kunst diskutieren und die Entwicklung von anderen Kategorien des Vorstellens zum Thema machen.




Künstler*innen
Pawel Althamer

geboren 1967 in Warschau, lebt und arbeitet in Warschau.

 

Joze Barši
Thomas Baumann
Cezary Bodzianowski
Copenhagen Free University

Henriette Heise & Jakob Jakobsen

Josef Dabernig
Ricarda Denzer
Tomislav Gotovac
Renée Green
Manfred Grübl
Elisabeth Grübl

Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, bei Prof. Bruno Gironcoli, 1990 – 1996, Diplom 6/96 / Akademie der Bildenden Künste in Helsinki, Media Department „Time and Space“, bei Lauri Antila und Oliver Whitehead 1998 – 1999 / Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, bei Franz Erhard Walther, Winter 1994 / Sommerakademie in Salzburg bei Lauren Ewing/New York, August 1990. Die Arbeiten umfassen Installationen im Innen- und Außenraum, Video-, Laser- und Soundarbeiten, Computeranimationen, interaktive Installationen, kontextbezogene Arbeiten, Konzepte, Fotos und Objekte. Längere Auslandsaufenthalte und Ausstellungen in New York, London, Helsinki, Hamburg, Frankfurt, Paris, Rom, Budapest, Shanghai, Chengdu, Chongqing, Alghero und Havanna.

Florian Hecker
Patrick Jolley & Reynold Reynolds
Martin Kaltner
Július Koller
Deimantas Narkevičius

geboren 1964 in Utena (Litauen), lebt und arbeitet in Vilnius.

N.I.C.J.O.B.
Roman Ondák
George Ovashvili
Mladen Stilinovic
Carey Young
Programmiert vom Vorstand der Secession

Kuratiert von
Kathrin Rhomberg

Vereinigung bildender Künstler*innen Wiener Secession
Friedrichstraße 12
1010 Wien
Tel. +43-1-587 53 07