Marianna Simnett
Circus
6.3. – 31.5.2026
In der Secession präsentiert Marianna Simnett Circus, eine multimediale Ausstellung von Licht-, Klang- und skulpturalen Arbeiten, die auf ihre jugoslawische Herkunft verweisen. Persönliche Bezüge, darunter eine von den Erfahrungen ihres jüdisch-kroatischen Großvaters während des Holocaust inspirierte Arbeit, begegnen Anspielungen auf weibliche Gestalten aus Volkssagen, die sowohl als Bedrohung als auch als Verbündete auftreten können, und dem traditionellen Trachtenrock vom Balkan, der das zarte Spiel des Enthüllens und Verbergens intimer Körperteile inszeniert. Der in der Ausstellung thematisierte Circus kommt in der Präsentation auf vielfältige Weise zum Ausdruck: im manischen Kreisen eines Rocks unter der Decke, der an ein Zirkuszelt erinnert, in einer Bühne für eine Performance, im Klang gequälten Gelächters oder in blendenden Lichtern, die einen abgedunkelten Raum erhellen.
Simnetts Praxis befasst sich konsequent mit intensiven körperlichen Zuständen – Urinieren, Ohnmacht, dem Gefühl, gekitzelt zu werden –, die sie in einer Untersuchung von Lust und Schmerz erkundet. Die Künstlerin, die während der Jugoslawienkriege als Tochter einer kroatischen Mutter in Großbritannien aufwuchs, erinnert sich an eine wiederkehrende Fantasie: eine urinierende Figur mit Ähnlichkeiten zu einer Frauengestalt aus der Folklore, die ihren Rock hebt, um ihre Genitalien zu entblößen und so böse Geister abzuwehren. In Neonlicht umgesetzt, oszilliert sie zwischen Provokation und Verteidigung, zwischen Abscheulichkeit und Handlungsmacht. Neon leuchtet nicht nur, es dringt ein. Es schreit, verlangt Aufmerksamkeit und hebt Distanz auf. In Anlehnung an das Erbe von Bruce Naumans Neonarbeiten wird in Simnetts Fountain (2026) Licht zu einem eigenständigen Körper – einem, der die Betrachtenden anspricht, aufwühlt und physisch in Beschlag nimmt.
In Catherine Wheel (2026) dreht sich ein beleuchteter blauer Rock über dem Kopf der Betrachtenden, synchronisiert mit dem unkontrollierbaren Lachen der Künstlerin. Die Tonspur stammt aus einer vierstündigen Kitzelaktion, die Simnett in einen zunehmend erschöpften und unberechenbaren Zustand versetzte. Mit der Zeit nimmt ihr Lachen – düster, angespannt und mit Galgenhumor unterlegt – eine besessene, fast satanische Qualität an. Die unermüdliche Bewegung des Rocks wird in ihrer schieren Beharrlichkeit bedrohlich und übt nicht nur symbolisch, sondern auch körperlich Druck aus, als etwas, das man nicht aufhalten und dem man nicht entkommen kann.
Der Titel bezieht sich sowohl auf eine historische Folter- und Hinrichtungsmethode – die in Europa bis ins 19. Jahrhundert hinein angewendet wurde – als auch auf ein spektakuläres Feuerwerk, das Erwachsene begeistert und Kinder ehrfürchtig staunen lässt. Diese semantische Ambivalenz spiegelt eine verstörende Erfahrung wider, die zwischen Anziehung und Furcht schwankt. Während das im Werk hörbare körperliche Erleben an die Grenze des Erträglichen geht, bleibt der Körper selbst abwesend. Der Rock gewinnt eine anthropomorphe, geisterhafte Präsenz und steht stellvertretend für einen Körper, der zwar fühlbar, aber nirgends zu sehen ist. Diese Abwesenheit signalisiert eine Ablehnung der historischen Darstellungsregime, die den weiblichen Körper – insbesondere in Zuständen sogenannter Hysterie – als spektakulären Kontrollverlust inszenierten. Anstatt den Körper in seiner Krise zu zeigen, abstrahiert Simnett ihn und ergreift die Betrachtenden zugleich auf einer ganz unmittelbar körperlichen Wahrnehmungsebene.
Die gleiche Strategie spielt auch in Faint with Light (2016) eine entscheidende Rolle. Für diese Arbeit versetzte sich die Künstlerin durch Hyperventilation vier Mal hintereinander in Ohnmacht; schließlich schritt ein Sanitäter ein, als sie einen Krampfanfall erlitt. Monumentale LED-Leuchten pulsieren synchron mit ihrer Atmung und steigen und sinken, während sie wiederholt zusammenbricht und wieder zu sich kommt. Das Ergebnis ist eine blendende, überwältigende Erfahrung von brutaler Intensität – desorientierend, fast orgasmisch und unverkennbar elementar.
In dieser Arbeit klingt die Geschichte von Simnetts jüdischem Großvater an, der den Holocaust überlebte. Nachdem er während eines Transports von einem Konzentrationslager in ein anderes entkommen war, verlor er das Bewusstsein, als er erschossen werden sollte, und wurde für tot zurückgelassen. Gleichzeitig setzt die Arbeit sich mit einer langen Tradition in der Geschichte der visuellen Kultur und der Medizin auseinander, in der Ohnmachtsanfälle von Frauen systematisch medikalisiert wurden: Sie galten als Nervenschwäche oder Hysterie, wurden diagnostiziert, fotografiert, klassifiziert und als Beweis für angebliche körperliche und geistige Labilität untersucht. Der ohnmächtige weibliche Körper wurde zum Gegenstand von Kontrolle und erotisierter Passivität. Das war kein Zufall, sondern eine Verbildlichung tief verwurzelter Machtasymmetrien.
Simnett greift den Ohnmachtsanfall als Motiv nicht auf, um diese Bilder zu reproduzieren, sondern um sie zu dekonstruieren. Indem sie den Körper verschwinden lässt und zugleich seine physiologischen Wirkungen durch Licht, Ton und Rhythmus verstärkt, inszeniert sie Erschöpfung und Kontrollverlust als aktive, bewusste Strategie. Statt betrachtet zu werden, destabilisiert die Ohnmacht den Akt des Betrachtens selbst. Die Arbeit fragt beharrlich: Wer fällt um? Wer schaut zu? Und wer trägt die Verantwortung dafür, festzuhalten – oder loszulassen?
Unter Rückgriff auf persönliche Erfahrungen und kollektive kulturelle Erinnerungen begreifen Simnetts Arbeiten das Surreale nicht als Eskapismus, sondern als Verfahren der Verwandlung. Fantasie, Spiel und Übersteigerung dienen hier als Werkzeuge, um nach einem Trauma Handlungsmacht neu auszuhandeln. Anstatt das Trauma direkt zu erzählen, artikuliert die Ausstellung es als einen durch Wiederholung, Erwartung und Reizüberflutung strukturierten körperlichen Zustand – als etwas, das nicht gelöst, sondern fortwährend reaktiviert und überarbeitet wird.
Die Ausstellung wird durch die großzügige Unterstützung von Simona Petrova-Vassileva ermöglicht.
wurde 1986 in London, UK, geboren und lebt in New York, USA, und Berlin, Deutschland.

