JJJJJerome Ellis
„Etwas, das [meine Mutter] mir beigebracht hat, war dieser Vers im Neuen Testament: ‚(BBBBBBBB)Betet ohne Unterlass‘, und an diesem Vers halte ich wirklich fest. Er ist ein Leitsatz für mich, denn so sehe ich diesen Kalender. Ich kann immer ein (GGGGGG)Gebet sprechen oder ehrend an eine (VV)Vorfahr*in denken, egal, welcher Tag es ist.“ (JJJJJerome Ellis im Gespräch mit Christine Sun Kim, im die Ausstellung begleitenden Buch)
JJJJJerome Ellis ist grenadisch-jamaikanisch-amerikanischer Herkunft und beschäftigt sich mit multimedialer Kunst, Musik, Komposition, Dichtung und Performance. Die künstlerische Praxis erkundet die Berührungspunkte zwischen Blackness, Musik, Spiritualität und nichtnormativer Sprache und schafft so Räume für Heilung und Gemeinschaft. Für diese Ausstellung hat Ellis die Wände mit einem Kalender bedeckt, der sich mit einem Blatt für jeden Tag und Monat über die gesamte Dauer der Ausstellung erstreckt. Mit Kohlestift ausgeführte Listen, die mit in Ölpastell gezeichneten Blumen versehen sind, halten die Namen von versklavten Menschen fest, die sich im 17., 18. und 19. Jahrhundert befreiten, zusammen mit den Daten und Orten ihrer Flucht. Im Raum ist eine Tonaufnahme zu hören, auf der Ellis‘ Stimme die Installation beschreibt und die jedem Tag zugeordneten Namen vorliest. Da der Ausstellungsraum im 1. Obergeschoss nicht mit dem Aufzug erreichbar ist, liegen Kopien der Seiten bereit, damit Besucher*innen sie berühren und von Nahem betrachten können.
An jedem Tag des Jahres jähren sich zahlreiche Fluchten aus der Sklaverei. In diesem fortwährenden Kreislauf von Jahrestagen wird das Gedenken selbst zu einem unabschließbaren Prozess: eine Zeremonie, die jederzeit vollzogen werden kann. Die tagesbezogene Struktur des Werks hat einen persönlichen Ursprung. In Ellis’ Kindheit las die Mutter aus Our Daily Bread vor, einem Andachtsbuch mit Auszügen aus dem Alten und Neuen Testament sowie einer Reflexion für jeden Tag. Dieses tägliche Ritual hat Ellis tief geprägt. Die Installation ist zudem von zwei sehr unterschiedlichen Orten inspiriert: Maya Lins Vietnam Veterans Memorial, dessen Dimensionen durch die Versammlung einer schier unübersehbaren Zahl von Namen bestimmt ist, und die Chapelle du Rosaire de Vence, auch als Matisse-Kapelle bekannt, mit ihrer Verbindung von Feierlichkeit und kindlichem Spiel. In Ellis’ Installation trifft der Ernst des Themas auf die Leichtigkeit der Materialien. Die nur von Magneten an ihren beiden oberen Ecken gehaltenen Papierbögen bewegen sich leicht im Luftzug, den die Besucher*innen durch ihre Bewegungen im Raum verursachen.
Das Projekt entstand aus Recherchen, zu denen Ellis’ erste Begegnung mit sogenannten „Runaway-Slave“-Fahndungsaufrufen im Jahr 2020 den Anstoß gab. Diese Anzeigen, die von Sklavenhalter*innen in Zeitungen veröffentlicht wurden, nannten die Namen der Entflohenen, beschrieben ihr Äußeres und bezifferten die für ihre Ergreifung ausgesetzten Belohnungen. Ellis begann, diese zutiefst ambivalenten Dokumente – Zeugnisse für extreme Gewalt, die zugleich vom Widerstand gegen das System künden, das sie hervorbrachte – in Datenbanken und Zeitungsarchiven in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Haiti, Jamaika, Guadeloupe, Martinique, Grenada, Barbados, St. Thomas, Trinidad, Kanada, Portugal und Brasilien zu untersuchen. Ellis versteht die in ihnen genannten Menschen als Ahn*innen: als spirituelle Vorfahren, zu denen eine „Ahn*innenpraxis“ eine Verbindung entstehen lässt.
Die zwei vorangegangenen Projekte, die zu dieser Ausstellung führten, standen in engem Zusammenhang mit Ellis’ Erkundung von Sprachstörungen. Ellis spricht mit einem tonischen Stottern, das sich in Schweigepausen äußert. Anstatt die Pathologisierung dieser Pausen als Belastung hinzunehmen, bezeichnet Ellis sie als „Lichtungen“, die wie Musik die Zeit öffnen und die Möglichkeit einer Unterbrechung schaffen können. Stille fordert normative Erwartungen an Sprache, Kommunikation und die effiziente Nutzung von Zeit heraus und erlaubt es Sprechenden wie Zuhörenden, in eine Erfahrung gemeinsamer Nähe einzutreten. Ellis’ gesamtes Werk denkt Stottern und Stocken neu als Formen von Ausdruck, Beziehung und Gebet – als Elemente eines lebenslangen Rituals.
In einem Track auf dem Debütalbum The Clearing (2021) singt Ellis die Namen entflohener Menschen, die in historischen Dokumenten als stotternd beschrieben werden. Das transdisziplinäre Projekt Aster of Ceremonies (2023), das aus Gedichten, Essays, Musiknoten, Gesängen und Hymnen besteht, bringt zwei Archive miteinander in Verbindung: Fahndungsanzeigen zu Ahn*innen mit Sprachstörungen und The Flora of North America. In einem andachtartigen Liederzyklus malt das Werk die Erfahrungen von der Sklaverei entfliehenden Menschen sowie ihre Beziehung zur Natur aus. Dabei treten Figuren hervor, die Ellis „Pflanzenälteste“ nennt. Spekulativ entwirft das Werk die sinnlichen und materiellen Welten, denen die Flüchtenden begegneten: die Landschaften, durch die sie zogen, und die Pflanzen, die ihnen Nahrung, Unterschlupf oder Schutz geboten haben mögen. So bringt Ellis die Geschichten der Ahn*innen in Beziehung zur mehr-als-menschlichen Welt.
Während die Maschinerie der Sklaverei in riesenhaftem Maßstab operierte, Menschen zu anonymen Objekten degradierte und sie mit brutal entmenschlichenden Begriffen erfasste, versucht Ellis’ Werk, die Aufmerksamkeit wieder auf die in diesen Dokumenten namentlich genannten Individuen zu lenken. Ellis’ Calendar schafft ein anderes Zeitgefühl. Der tägliche Akt des Nachdenkens über die entflohenen Menschen bietet eine Gelegenheit zum Gedenken, die sich von den normalerweise in einem Kalender vermerkten Verpflichtungen und Terminen unterscheidet. Einen Kalender zu erstellen, bedeutet in gewisser Weise, für die Zukunft Geschichte zu schreiben. In der Auseinandersetzung mit einem anderen Kalender entsteht eine andere Geschichte – und eine andere Erfahrung von Zeit.
Kooperationen
In Kooperation mit Index – The Swedish Contemporary Art Foundation, Stockholm, und KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Berlin
Künstler*innen
wurde 1989 in den USA geboren und lebt in Norfolk, Virginia, USA.