Alois Mosbacher und Lenz Mosbacher: Ein Gespräch über Joseph Beuys
Alois Mosbacher: Als ich in den 1970er-Jahren Malerei an der Akademie in Wien studierte, war Joseph Beuys der wohl wichtigste Künstler jener Zeit. Der Mann mit dem markanten Outfit und sendungsbewussten Auftreten faszinierte und erschreckte die damalige Öffentlichkeit und setzte neue Maßstäbe über die Rolle der Kunst in der Gesellschaft. Anfang des Jahrtausends unterrichtete ich dann selbst eine Weile an der Akademie und stellte fest, dass sich das Beuys-Bild der damals jungen Generation gewandelt hatte: Viele Studierende kannten Joseph Beuys nicht einmal mehr. Scheinbar liegt es an jeder neuen Generation, Beuys neu zu entdecken und eigene Zugänge zu seiner Kunst zu finden – oder ihn auch zu verdammen.
Vor etwa zehn Jahren begann mein Sohn Lenz, sich in seinen Comics mit Joseph Beuys zu beschäftigen. Lenz hat nicht die Gesellschaft erlebt, auf die Beuys damals reagierte und die er mit seiner Kunst gestalten wollte. Er zieht Parallelen aus Beuys’ Leben in seine eigene Gegenwart im 21. Jahrhundert. Joseph Beuys hatte seine Person und sein Leben fiktionalisiert – nahezu mythologisiert – und die Grenzen der Wahrheit subjektiv selbst definiert. Aus heutiger Sicht drängen sich von selbst aktuelle Begrifflichkeiten
wie „Alternative Facts“ auf.
Im April diesen Jahres erscheint nun Lenz Mosbachers Graphic Novel „Beuys – Die Erfindung der Wahrheit“ im avant-verlag. Aus diesem Anlass möchte ich ihn zu einem gemeinsamen Gespräch laden – über unsere jeweiligen Zugänge zu Joseph Beuys, über Kunst und Wahrheit und über die Frage, warum Beuys immer wieder aktuell wird.
Beuys
DIE ERFINDUNG DER WAHRHEIT
Text & Zeichnungen: Lenz Mosbacher
Veröffentlichung: April 2026
ISBN: 978-3-96445-154-5
264 Seiten, Hardcover
17 x 24 cm, schwarzweiß
Ein Flugzeugabsturz im Krieg. Nomadische Tataren retten den einzigen Überlebenden, reiben ihn mit Fett ein und umwickeln ihn mit Filz. Aus dieser mythischen Szene formt sich Joseph Beuys: Künstler, Aktivist, Provokateur mit Filzhut und Fischerweste. Kann nur die Kunst unsere Welt noch retten? Davon war Joseph Beuys überzeugt. Sein Leben lang kämpfte er für seine Vision einer Gesellschaft, in der jeder Mensch ein Künstler ist. Vierzig Jahre nach Beuys’ Tod sind dessen Ideen und Konzepte noch immer lebendig.
Lenz Mosbacher zeichnet ein vielschichtiges Porträt jenseits klassischer Biografie und spürt den Geschichten nach, die Joseph Beuys selbst in die Welt gesetzt hat. In fiktiv verdichteten Episoden begegnet Beuys der Intellektuellen Susan Sontag, wird von radikalen Frauenfiguren wie Ulrike Meinhof herausgefordert und trifft schließlich in der Gegenwart auf eine neue Generation von Aktivist*innen, die im besetzten Hambacher Forst seine Ideen von Kunst und Veränderung neu deuten. Beuys – Die Erfindung der Wahrheit ist ein visuelles Porträt – poetisch, streitbar, aktuell. Ein Buch für alle, die Kunst nicht nur betrachten, sondern hinterfragen und weiterdenken wollen.
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