Ndidi Dike
Rare Earth Rare Justice
6.3. – 31.5.2026
Die in London geborene Ndidi Dike ist eine international anerkannte britisch-nigerianische Bildhauerin und multidisziplinäre Künstlerin. Rare Earth Rare Justice ist ihre erste große institutionelle Einzelausstellung in Österreich. In Mixed-Media-Werken, Gemälden, Skulpturen, Collagen, Fotografien, Videos und Installationen untersucht Dike die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen und vor allem das Erbe von Kolonialismus, Postkolonialismus, Fluchtmigration und globalem Kapitalismus, die die moderne Welt prägen.
Im Mittelpunkt von Rare Earth Rare Justice steht die fortwährende Ausbeutung der natürlichen Ressourcen des afrikanischen Kontinents, insbesondere der Abbau von Kobalt in der Demokratischen Republik Kongo. Dike zeichnet die Verantwortung der Rohstoffindustrien für Umweltschäden, Klimawandel, Vertreibung und Konflikte um Bodenschätze nach und deckt auf, wie die weltweite Nachfrage nach Technologie mittels systemischer Gewalt und Plünderung befriedigt wird.
Die Ausstellung entfaltet sich als großräumige Installation, deren Struktur durch die Themen Abwesenheit, Tod und Trauer bestimmt ist. Von der Decke hängt eine monumentale Skulptur aus etwa 900 Autopsie-Nackenstützen in der Form einer Gewehrkugel vor einem großen kreisrunden Spiegel herab. Das Objekt lässt sowohl an die tödlichen Praktiken der Rohstoffindustrien als auch an historische Ladepläne von Sklavenschiffen denken, in denen versklavte Körper dicht gedrängt in Laderäumen untergebracht waren, und verweist damit auf die lange Geschichte der Brutalität, mit der Schwarze Menschen zu Waren gemacht werden. Statt Gewalt direkt darzustellen, regt die Arbeit Erinnerung und Vorstellungskraft an und ruft Assoziationen in den Köpfen der Betrachtenden wach. Die Künstlerin erklärt:
„Die Autopsie-Nackenstützen beziehen sich auf Polizeibrutalität […], auf George Floyd, auf die Demonstrationen in Amerika bis zurück zu den Unruhen in Los Angeles im Jahr 1992, auf die #EndSARS-Demonstrationen in Nigeria 2020, auf die 2018 in Rio de Janeiro ermordete prominente Schwarze Menschenrechtsaktivistin Marielle Franco, auf die 43 Student*innen, an deren Entführung in Iguala, Guerrero, Mexiko, im Jahr 2014 angeblich Behördenvertreter beteiligt waren – die Mehrheit von ihnen wird weiterhin vermisst und gilt offiziell als ‚verschwunden‘.“
Rund um die zentrale Skulptur erstrecken sich künstliche topografische Landschaften in Weiß, Rot und Blau: Weiß steht für weiße Vorherrschaft, für Kaolin und Sand, Rot verweist auf die charakteristische Farbe des Erdbodens in der Heimat der Künstlerin im Südosten Nigerias, Blau spielt auf den industriellen und informellen Kobaltbergbau an, in dem Jugendliche, Frauen und Kinder unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Die Farben erinnern auch an die Nationalfarben von tief in die globale Rohstoffgewinnung verwickelten Ländern des Globalen Nordens und Chinas. So unterstreicht die Installation die politische Mitschuld: die Beteiligung multinationaler Konzerne im Einverständnis mit afrikanischen Eliten, staatlichen Akteur*innen, der politischen Klasse und internationalen Machtstrukturen.
Eine Klanginstallation erfüllt den Raum mit dem unermüdlichen Rhythmus von Geldzählmaschinen. Ohne sichtbare Quelle wird das mechanische Geräusch zu einem allgegenwärtigen Puls – kalt, repetitiv und unerbittlich. Es ist der Klang von Finanzsystemen, die fernab von den von ihnen verursachten menschlichen und ökologischen Kosten operieren und Leben, Land und Arbeit in abstrakte Werteinheiten verwandeln. Sein gleichmäßiges Tempo entspricht der Logik des extraktiven Kapitalismus selbst: Anhäufung ohne Unterlass, Kalkulation ohne Rechenschaft. Innerhalb der Ausstellung bildet der Klang eine akustische Erinnerung daran, dass Extraktion ein wirtschaftlicher Prozess ist – getragen von unsichtbaren Transaktionen, globalen Märkten und Finanzinfrastrukturen, in denen Gewalt nur als Profit aufscheint.
Darüber hinaus ist ein Rollstuhl innerhalb der Installation angeordnet, dessen Sitz und Rückenlehne in Feinarbeit aus gebrauchten Patronenhülsen geflochten wurden. Er steht für verwundbar gemachte, verletzte oder dauerhaft beschädigte Körper. Die Verwandlung von Patronenhülsen in eine Art Textil hebt die Unterscheidung zwischen Leid und Fürsorge, Schutz und Verletzung auf. Zugleich verweist der Rollstuhl auf strukturelle Versehrungen: auf Länder, Gemeinschaften und Landschaften, die durch Rohstoffwirtschaft systematisch erschöpft wurden und nun mit langfristigen physischen, gesellschaftlichen, kulturellen und ökologischen Schäden zurückbleiben.
Überall in der Ausstellung fungiert Materialität als Medium historischer, wirtschaftlicher und politischer Bedeutung. Objekte zeigen Spuren ihres früheren Lebens in Systemen von Handel, Gewalt und Arbeit und geben so Zugang zu den verflochtenen Geschichten des transatlantischen Sklavenhandels und der neokolonialen Ökonomien von heute. Hier erzeugt Dikes Praxis bewusst eine Spannung zwischen Anziehung und Abstoßung. Rare Earth Rare Justice stellt eine grundlegende Frage: Wo bleibt die Gerechtigkeit für die Menschen, deren Land, Arbeitskraft und Leben unablässig im Namen des Fortschritts ausgebeutet werden?
Rare Earth Rare Justice wurde von Ndidi Dike in enger Zusammenarbeit mit der Secession entwickelt. Weitere Kapitel werden 2026 bei Färgfabriken in Stockholm und 2027 in der Zachęta Narodowa Galeria Sztuki in Warschau zu sehen sein. Eine neue Werkgruppe entstand im gemeinsamen Auftrag der drei Kooperationspartner*innen.
Dank der Unterstützung des BMEIA und seines Dialog-Residenz-Programms konnte die Künstlerin ihre Ausstellung vor Ort in Wien weiterentwickeln und diskursiv vermitteln.
wurde in London, UK, geboren und lebt in Lagos, Nigeria.

