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Siggi Hofer
Still Life
4.3. – 12.6.2022

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Siggi Hofer, Still Life, Ausstellungsansicht, Secession 2022, Foto: Michael Strasser

Mit Still Life konzipierte Siggi Hofer im Dialog mit der charakteristischen Architektur der Secession eine immersive Installation, ein großes begehbares Bild, das sich aus zahlreichen unterschiedlichen Werken zusammensetzt und in vieler Hinsicht die Unübersichtlichkeit und komplexe Realität unserer Gegenwart widerspiegelt. Als Betrachter*innen werden wir durch unsere Bewegung im Raum zu Akteur*innen und Mitgestalter*innen der Ausstellung und vor die Aufgabe gestellt, uns zu orientieren, zu ordnen und Sinnzusammenhänge herzustellen. Still Life knüpft unmittelbar an die frühere Ausstellung gift basket an, in der Hofer den Geschenkkorb als Metapher für seine Reflexionen über Beziehungen, Familie, Identität und Erinnerung nutzte. Mit Bezugnahme auf das Genre des Stilllebens wählt der Künstler wieder einen allen geläufigen Topos. Mehr noch als beim Geschenkkorb, bei dem es neben der schönen Geste um die schöne Präsentation geht, die auch pragmatisch sein muss, ist ein Stillleben vor allem von ästhetischen Fragen rund um Komposition und Farbgebung bestimmt: Welche Nachbarschaften ergeben sich, was passt zueinander und was passiert in diesen unterschiedlichen Konstellationen, was passiert, wenn man sie ändert?

 

Siggi Hofers Vielseitigkeit zeigt sich in den unterschiedlichen Medien, Details, kleinen Gesten und subtilen Setzungen in der Ausstellung, die Werke aus unterschiedlichen Arbeitsperioden beinhaltet, sowie einer Installation im Außenraum und einem Künstlerbuch in Form einer Zeitung (die Schrifttype „Deutsch-Gotisch“ bezieht sich auf die Tageszeitung „Dolomiten“, mit der der Künstler aufgewachsen ist), in dem auch eigene Texte veröffentlicht sind. In seinen literarischen Texten, die parallel zu Ausstellungen entstehen, wird der Einfluss autobiografischer Reflexionen, der intensiven Auseinandersetzung mit Erinnerung, Kindheit, Identität und Emanzipation auf sein Werk am deutlichsten. Die Texte oszillieren zwischen nüchterner Analyse und Humor, sind schonungslos offen und lassen Raum für Zweifel. Als wiederkehrende Motive ziehen sich das Spiel mit Selbstreferenzialität und Zitate, die auf frühere Werke Bezug nehmen, durch die gesamte Ausstellung.

 

Insgesamt 400 in Pastelltönen lackierte Holzbalken stellen zusammen mit neuen Bildern das Herzstück der Installation dar. Nichts berührt die eigentliche Gebäudehülle, die Wände – alles ist von der Decke abgehängt oder steht am Boden. Damit setzt der Künstler sein augenzwinkerndes Spiel mit Konventionen des Ausstellens und der Art und Weise, wie Kunst inszeniert und präsentiert wird, fort. Jeder Haken und jede Öse wurde mit Bedacht gewählt und ist Teil der Installation. Die an Grafikdesign angelehnten, im Raster gemalten Bilder in knalligen Farben zeigen Tier- und Pflanzenmotive und Alltagsobjekte. Mit jedem Schritt durch die Installation ändern sich Blickachsen und Nachbarschaften, neue Bildkompositionen ergeben sich und somit auch neue Lesarten und Sinnzusammenhänge. Die Motive entspringen unterschiedlichen Quellen, zum Teil sind es Eigenzitate, manchmal entstanden sie in Reaktionen auf Werke anderer Künstler*innen. Manche Motive wie Anzug, Fußball, Adler können im Kontext patriarchaler und nationalistischer Stereotype gelesen werden und andere, wie beispielsweise der Schmetterling oder die Rose ebenso wie die sanfte Farbgebung der Ausstellung, als Gegenentwurf, wobei der Künstler die Interpretation bewusst offenlässt. Hofers Berufung auf ein Zitat des Schriftstellers und Künstlers Herbert Achternbusch „Kunst kommt von kontern“ unterstreicht seine widerständige Haltung.

 

Gerasterte Bildvorlagen kennen manche vielleicht noch aus eigenen Kindertagen: Musterborten und Zierleisten, aber auch Tierbilder und andere populäre Sujets können anhand eines Rasters auch von künstlerisch Ungeübten leicht nachgezeichnet werden. Für Hofer ist das Arbeiten mit dem Raster auch eine Strategie des gezielten Verlernens, die den Blick weg von künstlerischer Virtuosität hin zur Inhaltlichkeit lenkt. Die einen Meter langen Balken aus Konstruktionsholz weisen nicht nur eine verspielte Farbigkeit auf, sie sind auch teilweise mit Bleistift verziert. Die Stahlseile sind einerseits funktionale Hängevorrichtung und gleichzeitig mit Holzperlenkompositionen hübsch herausgeputzt. Sie zeugen von High-and-Low-Crossover-Strategien und dem Mut, künstlerische Medien und Materialien mit solchen aus Handwerk, DIY und dem Hobbykunstsektor zu konfrontieren. Indem er Motive wiederholt, überlagert, verdeckt, neu kombiniert, knüpft er ein dichtes Netz von Beziehungen, das die Reduktion auf einfache Lesarten (oder Lösungen) in Frage zu stellen vermag. Ein performatives Element bekommt die Ausstellung durch die Einrichtung von drei Arbeitsplätzen, an denen punktuell aktiv gearbeitet und die Schau um neue Arbeiten erweitert wird.

 

Die gebaute Umwelt und insbesondere die Stadt als komplexes soziales Gefüge, als utopische Projektionsfläche, als Sehnsuchtsort und Fluchtpunkt, als Ort, der Diversität und Freiheit verspricht, findet sich schon früh als Motiv in den Arbeiten des Künstlers. Seit seiner Kindheit zeichnete er sich aus dem alpinen Umfeld hinaus und in den Kontext der Großstadt hinein – wie eine frühe, in der Ausstellung gezeigte Kinderzeichnung des Künstlers belegt. Dieser an die Seite gestellt sind einige spätere fiktive Städtebilder, die gewissermaßen im Dialog des erwachsenen Künstlers mit seinem kindlichen Selbst entstanden sind.

 

Wie ein geheimer Schlüssel zur Ausstellung ist ein Bild, das sich nur auf der Einladungskarte und dem Titelbild des Künstlerbuches wiederfindet: Es ist eine Grafik aus einem Kinderlexikon, das Hofer als Kind fasziniert und nie losgelassen hat. Das Bild zeigt in einer apokalyptischen Szene die Folgen eines Erdbebens, brennende Häuser und Autos, die von der Erde verschlungen werden. Das Bild konstituiert den Grundton der Ausstellung, auch wenn deren vordergründige Verspieltheit das zunächst nicht vermuten lassen würde: „Die Katastrophe findet woanders statt“ – aber sie findet statt.

 


 

 


Veranstaltungen
25.03.2022 | 18:00
Siggi Hofer im Gespräch mit Bart van der Heide
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Künstler*innen
Siggi Hofer

geboren 1970 in Bruneck, lebt und arbeitet in Wien.

Programmiert vom Vorstand der Secession

Kuratiert von
Bettina Spörr

Vereinigung bildender Künstler*innen Wiener Secession
Friedrichstraße 12
1010 Wien
Tel. +43-1-587 53 07