Die fünfte Säule, Ausstellungsansicht, Foto: Wolfgang Thaler
Die fünfte Säule, Ausstellungsansicht, Foto: Wolfgang Thaler / vlnr: Guillaume Leblon, Cerith Wyn Evans, Peter Downsbrough, Adolf Krischanitz, Guillaume Leblon


Mit: Luz Broto (E), Peter Downsbrough (USA), Dora Garcia (E), Guillaume Leblon (F), Joëlle Tuerlinckx (B), Cerith Wyn Evans (UK), Heimo Zobernig (A)
sowie Adolf Krischanitz (A), Moritz Küng (CH), Ferdinand Schmatz (A), Margherita Spiluttini (A)


Die fünfte Säule, Ausstellungsansicht, Foto: Wolfgang Thaler
Die fünfte Säule, Ausstellungsansicht, Foto: Wolfgang Thaler / vlnr: Heimo Zobernig, Guillaume Leblon, Dora Garcia, Cerith Wyn Evans


Die Secession eröffnet die kommende Saison mit der Gruppenausstellung Die fünfte Säule. An dieser beteiligen sich sieben internationale KünstlerInnen dreier Generationen, darunter Cerith Wyn Evans, der den Eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper für die Saison 2011/12 gestaltet, die spanische Künstlerin Dora Garcia, deren Pavillon "The Inadequate" auf der diesjährigen Biennale in Venedig widersprüchliche Meinungen hervorruft und Peter Downsbrough, amerikanischer Konzeptkünstler der ersten Generation, dessen Werk erst seit Kurzem die nötige Beachtung findet.

Mit dem bewusst enigmatischen Titel Die fünfte Säule bezieht sich der Kurator Moritz Küng auf die Gesamtrenovierung der Secession im Jahre 1985/86 – konkreter: auf die vom Architekten Adolf Krischanitz entworfenen vier zentralen Säulen des Hauptraums. Diese wurden damals in Chromstahlblech und Messing verkleidet. Die eigensinnige Präsenz dieses missverständlichen Otto Wagner-Zitats wurde aber bereits nach drei Jahren anlässlich der Ausstellung Das Spiel des Unsagbaren. Ludwig Wittgenstein (sic) verkleidet und dadurch neutralisiert. Seit 1991 blieben die vier Säulen weiß überstrichen, ihre prägnante Wirkung im Verborgenen.


Die fünfte Säule, Ausstellungsansicht, Foto: Wolfgang Thaler
Die fünfte Säule, Ausstellungsansicht, Foto: Wolfgang Thaler / vlnr: Peter Downsbrough, Joëlle Tuerlinckx


Im Sinne von Krischanitz' Renovierungskonzepts des "Rückbaus" lässt Küng die vier Säulen nun nach 20 Jahren in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Er greift damit nicht nur das Spiel der von Joseph Kosuth auf reziproke Art und Weise kuratierten Wittgenstein-Ausstellung wieder auf, sondern befragt grundsätzlich den "Neutralitätsstatus" des White Cube, für den die Secession international als Vorläufer gilt.


Die fünfte Säule, Ausstellungsansicht, Foto: Wolfgang Thaler
Die fünfte Säule, Ausstellungsansicht, Foto: Wolfgang Thaler / vlnr: Joëlle Tuerlinckx, Peter Downsbrough


Der Akt der Wiederherstellung dieser architektonischen Bedingung beruht keineswegs auf einem romantischen Motiv. Vielmehr sollen anhand 24 großteils für die Ausstellung produzierter oder adaptierter Arbeiten, teils auf evidente, teils auf sehr kodierte Art und Weise die spezifischen Qualitäten des Ortes selbst – der Genius loci – dessen Geschichte, Architektur wie auch dessen Defizite wieder ins Bewusstsein gerufen werden. So resonieren die präsentierten Werke – Licht- und Soundinstallationen, Skulpturen, Objekte und Möbel, Wandmalereien, Künstlerbücher, Performance und Video – nicht nur die historische Kultur und Architektur des Hauses, sondern auch deren Mentalitäten untereinander.


Die fünfte Säule, Ausstellungsansicht, Foto: Wolfgang Thaler
Die fünfte Säule, Ausstellungsansicht, Foto: Wolfgang Thaler / vlnr: Joëlle Tuerlinckx, Guillaume Leblon, Peter Downsbrough


Das Reflektieren von Ort, Werk und Geschichte kommt unter anderem in der Teilrekonstruktion der Arbeit ohne Titel (1995/2011) von Heimo Zobernig zum Ausdruck. Anlässlich seiner Personale 1995 ließ er mit dem von Krischanitz für die Secession entworfenen Wandsystem eine labyrinthartige Installation bauen. Diese basierte im Grundriss auf dem Entstehungsjahr und den Initialen des Künstlers: 95HZ. Für den inneren Zylinder der Ziffer 9, eigentlich ein Kubus, verwendete Zobernig aus Mangel an verfügbaren Stellwänden nur vier vertikale Metallstützen des modularen Wandsystems. In diese zog er vier neue, rohbelassene Spanplattenwände ein. Dieser Kubus wurde gemäss den bekannten Strategien des Künstlers zu einem autonomen Objekt der Installation. In der aktuellen Ausstellung steht dieser Kubus sechzehn Jahre später an exakt derselben Stelle wieder im Hauptraum, errichtet nun mit den vorhandenen Stellwänden aus dem Depot der Secession. Diese "neue" Skulptur inkorporiert und reflektiert neben der Geschichte der Institution auch jene des Künstlers selbst und ist nur ein Beispiel für die vielschichtigen Verwicklungen, welche diese Ausstellung bietet.


Die fünfte Säule, Ausstellungsansicht, Foto: Wolfgang Thaler
Die fünfte Säule, Ausstellungsansicht, Foto: Wolfgang Thaler / vlnr: Cerith Wyn Evans, Joëlle Tuerlinckx, Dora Garcia


Was aber ist die "fünfte Säule"? Nicht zufällig ist sie im Ausstellungssujet, das auf einer historischen Aufnahme der Fotografin Margherita Spiluttini basiert, in vollem Glanz zu sehen; allerdings auf den zweiten Blick erst bemerkbar an einer Stelle, wo sie eigentlich nicht stehen kann. Der Schriftsteller Ferdinand Schmatz, der einen Text für den Katalog geschrieben hat, formuliert: "Schau, die Säule des Erkennens: Denk nicht, schau!" So gibt diese Ausstellung vielleicht mehr Anlass zum Sehen; zum Sehen einer neuen Gegenwart des Gebäudes, von Konservierung, Reparatur, Ergänzung und Adaptierung, letztendlich auch von einer Revision der Postmoderne.


Die fünfte Säule: Dora Garcia, Just Because Everything is Different, It Does Not Mean that Anything Has Changed: Lenny Bruce in Sydney, 2008 (Filmstill)
Die fünfte Säule: Dora Garcia, Just Because Everything is Different, It Does Not Mean that Anything Has Changed: Lenny Bruce in Sydney, 2008 (Filmstill)



WERKE
Text von Moritz Küng


LUZ BROTO (E, *1982, lebt in Barcelona)
Die Intervention von Luz Broto – Right Cube_06: Der Aussentemperatur angleichen – Teil einer seit 2007 sporadisch entstandenen Werkreihe, in welcher die Künstlerin unter anderem Phänomene wie Erwartung, Privatheit, Sicherheit, Wert oder Zufall mit dem Dispositiv des White Cube vergleicht – versucht auf unscheinbare, aber treffende Weise die Umgebung zu thematisieren. Mit ihrer sechsten "Anweisung" lässt Broto die Temperatur des Hauptraums der Außentemperatur anpassen. Je nach Witterung wird ihr Eingriff mehr oder weniger evident nachvollziehbar. So einfach und unschuldig dieser erscheinen mag, so komplex ist er im Zusammenhang der Institution: die Saalaufsicht wird zum performativen Komplizen, indem sie das Unvorhersehbare und Unkontrollierbare ständig kontrollieren und die Klimaanlage immer wieder auf analoge Weise auf die aktuell herrschende Außentemperatur einstellen muß; altersbedingt kann dies auch eine entsprechend penetrante Geräuschkulisse (white noise) zur Folge haben. Zugleich provoziert die Anweisung eine kulturelle Pointe: die Secession wird angehalten, ein "generelles" Klima – sei dies ein soziales, politisches oder intellektuelles – im eigenen Haus zu inkorporieren, das sich im Ausstellungsraum manifestiert. Die klimatologischen Messdaten sind auf den Webseiten der Secession abrufbar und werden dreimal täglich aktualisiert.


PETER DOWNSBROUGH (USA, *1940, lebt in Brüssel)
Die Arbeiten von Peter Downsbrough fügen sich vergleichsweise diskret in den Kontext der Ausstellung. Die beiden im Hauptraum installierten Versionen von Two Poles, einer Art skulpturaler Zeichnung von jeweils zwei parallel verlaufenden, schwarz gestrichenen vertikalen Rohren, beziehen sich wohl am offensichtlichsten auf die vier Stützen des Ausstellungsraums. Die aus Stahl geschnittenen Buchstaben BUT, SHIFT, THEN, welche auf dem Boden der Galerie im Untergeschoss verteilt sind, können als Echo des kuratorischen Ausgangspunktes verstanden werden. Die Konjunktion steht synonym für den "Rück-Bau", das Verb für die Bedeutungsverschiebung und das Adverb für den neuen Effekt.

Ähnlich subtil kommentiert das auf die Wand geklebte Fresko UND des Künstlers eigene Arbeit der Two Poles, indem es die Aufmerksamkeit auf zwei identische Stützen am Eingang zur Galerie lenkt. Die gedanklichen Rückkoppelungen schließen sich in dem von Downsbrough anläßlich der Ausstellung konzipierten 20-seitigen Buch a place — Wien. Der Künstler setzt hiermit die bereits 1977 realisierte Reihe a place — Düsseldorf, a place — New York und a place — fort, welche nebst den Worten "a place" und "here" erneut parallele Linien –sogenannte Two Lines – mit jeweils einem Foto der im Titel genannten Stadt beinhaltet. Die aktuelle Ausgabe enthält folglich ein Foto aus Wien.


DORA GARCIA (E, *1965, lebt in Barcelona)
Die beiden Arbeiten von Dora Garcia reflektieren spezifische Aspekte des Secessionsgebäudes, was andeutungsweise bereits in den Titeln zum Ausdruck kommt. Die rückwärtige Apsis im Hauptraum sollte laut ursprünglichem Plan von Joseph Maria Olbrich auch als Bühnenraum genutzt werden können. Davon zeugen noch heute die beiden seitlichen abgedeckten Luken, hinter denen Richtscheinwerfer für die Beleuchtung aufgestellt werden konnten. Indirekt verweist die auf DVD dokumentierte Performance Just because everything is different, ... auf dieses performative Set. Die Performance wurde anlässlich der Sydney Biennale 2009 im berühmten Operngebäude einmalig aufgeführt. Eben hier war am 6. September 1962 eine Aufführung des amerikanisch-jüdischen Komikers Lenny Bruce bereits nach seinen – legendär gewordenen – Begrüßungsworten "What a fucking wonderful audience!" abgebrochen, der Künstler von der Polizei von der Bühne abgeführt worden. Dora Garcias "hypothetisches" Re-Enactment verweist im Kontext der Ausstellung auch auf den "Spielraum", der als solcher kaum genutzt wurde.

Ihre zweite Arbeit stammt aus der Serie Golden Sentences [Goldene Sinnsprüche]. Es handelt sich dabei um ethnologische Weisheiten und euphemistische Wahrheiten, die in blattgoldenen Lettern auf der Wand angebracht werden, wie zum Beispiel: Kunst ist für alle da, aber nur eine Elite weiß es, Das Leben kann nur verstanden werden, wenn es zurückgespult wird oder Realität ist eine hartnäckige Illusion. Das in der Secession direkt auf der Wand angebrachte goldene Textfresko Die Zukunft muss gefährlich sein kann nicht nur als Kommentar auf die Risiken eines politisch unkorrekten Komikers gelesen, sondern auch als Gegenthese zum optimistischeren Motto der Secessionisten über dem Eingangsportal "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit" verstanden werden.


GUILLAUME LEBLON (F, * 1971, lebt in Paris)
Zwei Werke von Guillaume Leblon reflektieren jeweils ihre direkte Umgebung. Correction [Korrektur], ein Eckprofil aus Messing, nimmt sowohl die Materialität wie auch die Vertikalität der Krischanitz-Stützen auf, während Les objets meurent aussi [Objekte sterben auch] das Farbpostulat der Kodak-Karte von Joëlle Tuerlinckx mit einer displayähnlichen Konfiguration zu belegen scheint. Das ausgeprägte Kontextbewusstsein des Künstlers zeigt sich aber vor allem in der für den Hauptraum neu produzierten Arbeit Catalogue. Mit den schlampig verlegten und mit weißer Farbe übertünchten Teppichfragmenten bezieht sich Guillaume Leblon einerseits auf ein historisches Foto, welches ihn bereits zu einer früheren Arbeit inspirierte. Das Foto entstand 1902 während eines Ausstellungsabbaus in der Secession und zeigt 14 lokale Persönlichkeiten, die für ein Gruppenbild auf einem aufgerollten Teppich posieren. Andererseits verweist er mit dem Titel Catalogue auf diverse Interessen in seiner eigenen Arbeit wie Ebenheit, Volumen, Faltung, Verhüllung, Fundament, Alltagsgegenstand etc.


JOËLLE TUERLINCKX (B, * 1958, lebt in Brüssel)
Mit ihren vier Raumausmalungen hat Joëlle Tuerlinckx eine farbliche Abfolge in Weiß, Silber, Grau und Braun geschaffen, welche sich auf vier subjektive "Dokumente" bezieht: auf ein gerastertes Bildlogo eines Papierherstellers (weiß), ein Stanniolpapier (silbern), eine Farbkarte (grau) sowie auf eine alte Planskizze (braun). Bei letzterer Referenz handelt es sich um einen der originalen Ausführungspläne der in dieser Ausstellung thematisierten Säulen des Architekten Adolf Krischanitz. Der Plan wird in einem kleinen, von der Künstlerin mit Tee ausgemalten Kabinett im Untergeschoss gezeigt, welches entsprechend dem "Rück-Bau"-Prinzip nun "historisch" als Salle x ans d'âge [x Jahre gealterter Saal] erscheint. Ihr Salle gris neutral [Saal, neutrales Grau] bezieht sich auf eine Kodak- Graukarte, welche professionelle Fotografen als Orientierungshilfe verwenden: "pour faire des bonnes expositions"; was im Französischen zweideutig ist und so viel bedeutet wie "eine Hilfe für die richtige Belichtungszeit" wie auch "eine Hilfe für gute Ausstellungen".

Im dritten Untergeschossraum befindet sich der Salle argent [Silberner Saal], dessen Farbigkeit sich auf das Stanniolpapier der belgischen Mignonnette-Schokolade von Côte d'Or bezieht und zudem als Untergrund für die Filmprojektion von Dora Garcia dient. Die Lichtreflexion(en) auf der silbernen Wandfarbe findet zugleich einen Gegenpart in der im Hauptsaal aufgestellten Fotostudioblitzlampe, welche den vielsagenden Titel Flash Vision [Blitzlicht Vision] trägt. Die Kadenz des Blitzes ist dabei variabel, aber größer als 24 Sekunden. Die Künstlerin referiert hier auf die Bildanzahl pro Sekunde im Film und dehnt sozusagen ein festes zeitliches Momentum nach ihrem Gutdünken. Ihre vierte Wandmalerei Coin d'ombre 'SUPERWHITE' [Schattenecke ‚SUPERWHITE'] im weiß belassenen Hauptraum besteht aus einer weißlich ausgemalten Ecke. Der gerasterte Übergang von der einen in die andere Farbe scheint dabei die bestehende Raumbegrenzung aufzulösen. Schlussendlich wird aus Anlass der Ausstellung das Künstlerbuch Les Moments d'espace [Momente des Raumes] von Joëlle Tuerlinckx publiziert, dessen "autobiografischer" Text auf einer im letzten Jahr in Gent gehaltenen Vortragsperformance basiert, welche in der letzten Woche der Ausstellung in Wien erneut aufgeführt wird. Darin beschreibt sie minutiös – ähnlich wie Wittgenstein in seinem Tractatus – ihre Überlegungen und Erfahrungen zum Phänomen "Raum".


CERITH WYN EVANS (UK, * 1958, lebt in London)
Die wohl monumentalste Arbeit in der Ausstellung, C=O=N=S=T=E=L=L=A=T=I=O=N (I call your image to mind) [Konstellation (Ich gedenke deines Bildnisses)] von Cerith Wyn Evans, besteht aus einem von der Decke abgehängten Mobile mit 16 verchromten Scheiben, welche durch ihre hochpolierten Oberflächen und Rotationen die Raumeindrücke der BetrachterInnen ständig zu brechen scheinen. Integrierte Lautsprecher, aus denen ein Remix unterschiedlichster Musikstücke zu hören ist, verleihen dem Raum eine irreale Atmosphäre und setzen im wahrsten Sinne des Wortes den "Ton" zur Ausstellung. Das scheinbar Unzusammenhängende, Fragmentierte und Flüchtige der gezeigten Arbeiten wird durch diese ephemere Geste gefasst und konsolidiert.

Seine zweite und zugleich die kleinste Arbeit in der Ausstellung ist eine bildhafte Umsetzung der Redewendung "so to speak" [sozusagen]. Das Neonschriftzeichen "" dient dabei nicht nur funktional zur spärlichen Ausleuchtung des von Tuerlinckx silbern gestrichenen Galerieraumes oder als Respondent der Begriffe von Peter Downsbrough. Als Adverb verkörpert es das eigentliche kuratorische Bestreben der Ausstellung: das Zusammenstellen einer scheinbar arbiträren Konstellation von Arbeiten, deren unterschiedliche Wechselbeziehungen das Gesamtphänomen dieses spezifischen Ortes und nicht zuletzt auch dessen Umgebung erfahrbar machen.


HEIMO ZOBERNIG (A, * 1958, lebt in Wien)
Das vielfältige Reflektieren von Ort, Werk und Geschichte kommt in den drei Arbeiten von HEIMO ZOBERNIG exemplarisch zum Ausdruck. Anlässlich seiner Personale 1995 ließ er – mit dem von Adolf Krischanitz 1986 für die Secession entworfenen Wandsystem – eine labyrinthartige Installation mit offenen und geschlossenen Räumen bauen, welche im Grundriss auf dem Entstehungsjahr und den Initialen des Künstlers basierte: 95HZ. Für den (inneren) "Kreis" der Ziffer 9 verwendete Zobernig – aus Mangel an noch verfügbaren Platten – gerade nur die vertikalen Metallstützen der Basiskonstruktion und zog vier neue Spanplattenwände ein. Der Kubus wurde so – ganz gemäß den Strategien Zobernigs – zum einzigen autonomen Objekt der Installation, weil er vom Künstler selbst "materialisiert" wurde. 16 Jahre nach dato wurde nun an genau derselben Stelle diese "autonome Skulptur" mit den nun verfügbaren bestehenden Wandelementen der Secession nicht nur rekonstruiert, sondern auch komplettiert.

Seine zweite Arbeit bezieht sich auf den ehemaligen Auftrag, das Corporate Design der Secession zu entwerfen, das folglich zwischen 1997 und 2007 in über 100 Katalogen zur Anwendung kam. Das zentrale Element in Zobernigs Konzept war einerseits, den als Signet fungierenden Schriftzug "Secession" in Helvetica-Roman-Versalien zu schreiben, andererseits in der Namensschreibweise das "c" durch ein "z" zu ersetzen, was vom damaligen Vorstand aber abgelehnt und nur gerade bei einem Katalog angewandt wurde – jenem zur Ausstellung von Herbert Brandl aus dem Jahr 1998, den Zobernig für seinen Freund als einzigen zur Gänze selbst gestaltete. Mit dem besagten Buchstabenwechsel verwies Zobernig nicht – wie oft fälschlicherweise angenommen – auf die Initiale seines eigenen Namens, sondern auf ein Plakat, das vom Architekten Friedrich Kiesler für die Internationale Kunstausstellung 1924 entworfen wurde. Bezeichnenderweise – aber dies sei nur am Rande erwähnt – wurde Heimo Zobernig 2010 als erster Österreicher mit dem 7. "Friedrich-Kiesler- Preis für Architektur und Kunst" ausgezeichnet. Der Umschlag des vorliegenden Kataloges nimmt diesen Fait divers von neuem auf.

Mit der dritten und aktuellsten Arbeit dieses Künstlers wird indirekt noch einmal ein Bezug zum Jugend- und Secessionsstil und seiner Forderung nach Ornamentik und Symmetrie sowie der Wiedereinbeziehung von Kunst in das Alltägliche hergestellt. An der Eingangstür steht ein zusammengebasteltes, aber durchaus zeitloses Objekt, bestehend aus einer unbekleideten, weiß gestrichenen Schaufensterpuppe mit einer auf dem Kopf montierten Glühbirne, über welche eine Röhre aus transparenter Spiegelfolie gestülpt ist. Die Skulptur ist sowohl funktionales Design – also eine Stehlampe, die ihre Eigenschaft des Stehens gleich selbst kommentiert – wie auch symbolträchtiges Zitat, das auf einen idealisierten Körperkult verweist.



Rahmenprogramm

Freitag, 9. 9. 2011, 18 Uhr
Ausstellungsgespräch mit Moritz Küng und Ferdinand Schmatz, moderiert von Gabriele Mackert.
Eine Veranstaltung der Freunde der Secession

Donnerstag, 17. 11. 2011, 18 Uhr
Vortragsperformance von Joëlle Tuerlinckx Les moments d'espace - lecture for YouTube in 591 panels (version 17.11.11)
und Präsentation des Künstlerbuchs Moments d'espace von Joëlle Tuerlinckx




KATALOGE

Zur Ausstellung erscheinen ein Katalog mit Ausstellungsansichten fotografiert von Margherita Spiluttini und Textbeiträgen von Moritz Küng, András Pálffy und Ferdinand Schmatz sowie die Künstlerbücher von Peter Downsbrough: a place—Wien und Joëlle Tuerlinckx: Les moments d'espace.


Die fünfte Säule, Secession 2011

DIE FÜNFTE SÄULE
48 Seiten, Format: 23x31cm
Texte von Moritz Küng und Ferdinand Schmatz sowie zahlreiche Ausstellungsansichten, dt./engl.
Secession 2011, ISBN 978-3-902592-47-7
Vertrieb: Revolver Verlag
Erhältlich im Shop


Peter Downsbrough, Secession 2011

PETER DOWNSBROUGH
a place - Wien
20 Seiten, Format: 23x31cm
Secession 2011, ISBN 978-3-902592-45-3
Vertrieb: Revolver Verlag
Erhältlich im Shop




JOËLLE TUERLINCKX
Moments d'espace
128 Seiten, Format: 17 x 25,5 cm
Text von Joëlle Tuerlinckx (frz./engl.), mit 16 Illustrationen sowie zwei von der Künstlerin gestaltete, lose beigelegte Blätter
Secession 2011, ISBN 978-3-902592-51-4
Vertrieb: Revolver Verlag
Erhältlich im Shop



Kurzbiografien der teilnehmenden KÜnstlerInnen

Luz Broto (E, *1982, lebt in Barcelona)
Künstlerin; www.luzbroto.net

Peter Downsbrough (USA, *1940, lebt in Brüssel)
Künstler, repräsentiert von: Galerie Martine Aboucaya, Paris; Angels, Barcelona; Barbara Krakow Gallery, Boston; Thomas Zander, Köln.

Dora Garcia (E, *1965, lebt in Barcelona)
Künstlerin, repräsentiert von: Galeria Juana de Aizpuru, Madrid / Ellen de Bruine projects, Amsterdam; ProjecteSD, Barcelona; Galerie Michel Rein, Paris;
www.doragarcia.net

Adolf Krischanitz (A, *1946, lebt in Wien)
Architekt, verantwortete mit Otto Kapfinger die Generalrenovierung der Wiener Secession 1985/86;
www.krischanitz.at

Moritz Küng (CH, *1961, lebt in Barcelona)
Ausstellungskurator für zeitgenössische Kunst und Architektur, designierter Direktor des El Canòdrom – Centre d'art contemporani de Barcelona.

Guillaume Leblon (F, *1971, lebt in Paris)
Künstler, repräsentiert von: ProjecteSD, Barcelona; Galerie Jocelyn Wolff, Paris;
www.guillaumeleblon.com

Ferdinand Schmatz (A, *1953, lebt in Wien)
Germanist, Philosoph und Schriftsteller, u. a. von: Sprache macht Gewalt (1994), Radikale Interpretation. Aufsätze zur Dichtung (1998), Portierisch (2001), quellen. Gedichte (2010).

Margherita Spiluttini (A, *1947, lebt in Wien)
Freischaffende Fotografin, 2007 mit dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien ausgezeichnet
www.spiluttini.com

Joëlle Tuerlinckx (B, *1958, lebt in Brüssel)
Künstlerin, repräsentiert von: Galerie nächst St. Stephan – Rosemarie Schwarzwälder, Wien; Galerie Christian Nagel, Berlin.

Cerith Wyn Evans (UK, *1958, lebt in London)
Künstler, repräsentiert von: Daniel Buchholz, Köln; Fortes Vilaça, São Paulo; Ingleby Gallery, Edinburgh; Taka Ishi Gallery, Tokio; Georg Kargl, Wien; Galleria Lorcan O'Neill, Rom; Galerie Neu, Berlin; White Cube, London.

Heimo Zobernig (A, *1958, lebt in Wien)
Künstler, repräsentiert von: Galeria Juana de Aizpuru, Madrid; Chantal Crousel, Paris; Bärbel Grässlin, Frankfurt a. M.; Simon Lee, London; Galerie Meyer Kainer, Wien; Nicolas Krupp, Basel; Galerie Christian Nagel, Berlin; Friedrich Petzel, New York; Galerie Micheline Szwajcer, Antwerpen;
www.heimozobernig.com



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Erste Bank – Partner der Secession
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Die Freunde der Secession

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