Pawel Althamer, Joze Bari, Thomas Baumann, Cezary Bodzianowski, Copenhagen
Free University (Henriette Heise & Jakob Jakobsen), Josef Dabernig, Ricarda
Denzer, Tomislav Gotovac, Renée Green, Elisabeth Grübl, Florian Hecker,
Patrick Jolley & Reynold Reynolds, Martin Kaltner, Július Koller, N.I.C.J.O.B.,
Deimantas Narkevicius, Roman Ondák, George Ovashvili, Mladen Stilinovic,
Werner Würtinger, Carey Young
Ausgeträumt..., Photo: Pez Hejduk
Unfortunately, to get to the future one has to live through the present (Hanif
Kureishi)
Mladen Stilinovic, Photo: Pez Hejduk
Die Wahrnehmung von Gegenwart ist immer gebunden an die Einschätzung ihrer
Vergangenheit und der zu erwartenden Zukunft. "Ausgeträumt..."
thematisiert eine gegenwärtige desillusionierte, resignative Grundstimmung,
durch deren Folie die soziale und politische Wirklichkeit in weiten Teilen Europas,
jenseits geopolitischer Markierungen, wahrgenommen wird. Eine allgemeine Grundstimmung,
die entsprechend den differierenden Weltanschauungen und Lebensentwürfen
unterschiedlich motiviert sein mag, dennoch für viele evident ist.
Deimantas Narkevicius, Energy Lithuania, 2000
Der Zusammenbruch der realsozialistischen Systeme hatte die triumphierende Formulierung
eines scheinbar naturgegebenen Zusammenhangs von Demokratie und Kapitalismus zur
Folge. Das Ende der Systemkonfrontation zwischen Ost und West löste eine
Unzahl von Projektionen aus. Die propagierte ökonomische Prosperität
durch den globalen Kapitalismus, die Suggestionskraft der Medien, die Verheißung
neuer Kommunikationstechnologien haben viele vorübergehend an den Traum von
einer besseren Zukunft glauben lassen. Die umfassende Demokratisierung, an der
endlich alle direkt Teil haben könnten, schien unmittelbar bevor zu stehen.
Daran geknüpfte Hoffnungen hat die politische Realität allerdings bald
als Illusion erkennen lassen. Aus der Perspektive Europas haben der Krieg in den
Ländern des ehemaligen Jugoslawien und die zunehmend global agierende Wirtschaft
deutlich gemacht, dass der vermeintliche Fortschritt seinen Preis hat. Einen Preis,
der nicht von den westlichen Industrienationen bezahlt werden würde.
Pawel Althamer, Photo: Pez Hejduk
Eine Grundlage für die gegenwärtige Skepsis, auch für den strukturellen
Stillstand, könnte darin gesehen werden, dass die meisten Erklärungsmodelle
immer noch auf Demokratie als ein gegebenes perfektes Modell zurückgreifen,
also auf einer von der westlichen Rationalität getragenen Prozessualität
hin zu einer besseren Welt beharren. Die Beobachtung lokal- und weltpolitischer
Alltäglichkeiten liefert ausreichend Gründe für einen Zweifel an
der Entwicklungsfähigkeit eines in diesem Sinn definierten sozialpolitischen
Handelns. Die Infragestellung der Hegemonie der westlichen Demokratien ergab sich
unter anderem daraus, dass statt einer späten Einlösung von idealistischen
Zumutungen und humanistischen Idealen, also einer umfassenden Demokratisierung,
in der jedes Subjekt als BürgerIn angesprochen würde, alle erdenklichen
Formen von Nationalismen und Fundamentalismen als Antwort auf den globalen Kapitalismus
und den Neoliberalismus auftraten, die Migrationsbewegungen nicht eine Erweiterung
des demokratischen Gedankens nach sich zogen, sondern Rassismus und Fremdenfeindlichkeit
wieder verstärkt Themen der europäischen Öffentlichkeit wurden.
Tomislav Gotovac, Photo: Pez Hejduk
Der Filmtheoretiker Georg Seeßlen hat für die westlichen Gesellschaften
des 20./21. Jahrhunderts drei Entwicklungsstadien beschrieben. Diese hätten
sich von einem Prinzip von Kapitalismus und Demokratie über einen Zustand
von Demokratie im Kapitalismus zur heutigen Verfassung von Demokratie als Kapitalismus
entwickelt. Der Markt bestimmt gesellschaftliches Handeln, Wettbewerb ist seine
grundlegende Kommunikationsstruktur. Die symbolische und tatsächliche Teilhabe
an der Macht ist zur pseudokulturellen Inszenierung verkommen, in der PolitikerInnen
als Popstars auftreten und Popstars als PolitikerInnen. Politische Ideen und Überzeugungen
werden nicht mehr verhandelt sondern verkauft. Die Politik dient immer ausschließlicher
der Erzeugung von Bildern und legitimiert sich selbst durch die Erzeugung von
Bildern. Politik als Wissen, als Idee und Entscheidung scheint dabei immer unbedeutender,
Politik als entleert symbolische Veranstaltung, als mediale Präsenz immer
bedeutender zu werden.
Ausgeträumt..., Photo: Pez Hejduk
Diskussionen von Thesen wie "Das Ende der Geschichte" von Francis Fukuyama
wirken in diesem Zusammenhang wie ein Symptom für die Verunsicherung. Es
scheint keine Alternative zu geben. Es ändert sich nichts Wesentliches mehr
in der Grundstruktur der westlichen Gesellschaft. Und der Rest der Welt hat kaum
eine andere Option als die, sich an die westliche Grundstruktur anzupassen. Es
gab aber in den letzten Jahren eine vehemente Diskussion um die Formulierung von
neuen Handlungsfeldern, gerade auch im Feld der Kunst. Es ging dabei gar nicht
so sehr um die Formulierung von neuen Utopien, vielmehr darum, die eigenen Positionierungen,
die eigene Abhängigkeit von den Kontexten, in denen man sich bewegt, zu überdenken,
Modelle zu entwickeln, wie man den Diskurs im Sinne pragmatischer Interessen neu
definieren und wieder zurückerobern könnte. Diskutiert wurde auch, wie
man die symbolische Ebene positiv neu besetzen und die unheimliche Allianz zwischen
Symbolischem und Emotionalem im Feld der Politik demontieren kann, um sich gegen
die Sinnentleerung des politischen Feldes zu wehren.
Július Koller, Photo: Pez Hejduk
Vor dem Hintergrund des historisch-programmatischen Kontextes der Secession, die
durch ihre Gründung einen bewussten Bruch mit der Vergangenheit vollzogen
und gleichzeitig die Formulierung von Zukunftsvisionen zu ihrem Ziel gemacht hat,
wird die Ausstellung "Ausgeträumt..." diese Fragen verhandeln.
Sie wird der Kunst zwar nicht ihre Freiheit geben können, auch nicht Wege
aus der derzeitigen politischen und kulturellen Situation ebnen. Sie versammelt
vielmehr internationale Positionen, die angesichts der Dilemmata Skepsis bewahren,
ideologische und ökonomische Mechanismen in Frage stellen, Utopie als integralen
Bestandteil der Kunst diskutieren und die Entwicklung von anderen Kategorien des
Vorstellens zum Thema machen.
Florian Hecker, Photo: Pez Hejduk
Die Ausstellung wird von Kathrin Rhomberg kuratiert.
PUBLIKATION
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AUSGETRÄUMT...
94 Seiten, zahlreiche s/w-Abbildungen, Beilage: CD Florian
Hecker
Beiträge: Egon Bondy, Rike Frank, Boris Groys, Hakan Gürses, Matthias
Herrmann, Reni Hofmüller, Julius Koller, Joanna Mytkowska, Diana Nenadic,
Oswald Oberhuber,
Roman Ondak, Carola Platzek, Kathrin Rhomberg, Ruth Sonderegger,
Branka Stipancic, Friedrich Tietjen, Daniela Hammer-Tugendhat, Trinh T. Minh-Ha,
Igor Zabel, Luise Ziaja
Secession 2002, ISBN 3-901926-38-0
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Erhältlich im
Shop
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AUSSTELLUNGSGESPRÄCH
Anlässlich der Ausstellung veranstalten die
Freunde
der Secession ein Ausstellungsgespräch mit Henriette Heise & Jakob
Jakobsen (Copenhagen Free University), Joanna Mytkowska und Adam Szymczyk (Galeria
Foksal, Warschau), Igor Zabel (Kurator der Moderna Galerija Ljubljana) und der
Kuratorin Kathrin Rhomberg.
Für weitere Informationen, Presse- und Fotomaterial wenden Sie sich bitte
an:
Tamara Schwarzmayr
Secession, Vereinigung Bildender KünstlerInnen Wiener Secession
Friedrichstraße 12, 1010 Wien
Tel: +43-1-5875307-21, Fax: +43-1-5875307-34
presse@secession.at